• Home   /  
  • Archive by category "1"

Vereinigung Mathe Beispiel Essay

< Hilfe < Wikisyntax < TeX

Seit Januar 2003 gibt es in der Wikipedia TeX-Markup (, , ) für Formeln. Diese werden zum Beispiel als SVG oder PNG-Bilder dargestellt. Derzeit gibt es noch Darstellungsprobleme bei Formeln innerhalb von Fließtext. Beispielsweise ist die Oberlänge, Schriftstärke, Schriftgröße oder Ausrichtung häufig uneinheitlich. Eine Mehrheit der Autoren hält TeX trotzdem für die langfristig richtige Lösung. Jedenfalls sollten existierende TeX-Formeln nicht in HTML umgewandelt werden. Auf der englischsprachigen Essay-Seite wird näher auf die Vorteile von TeX eingegangen.

Bis Anfang 2012 konnte man in den Benutzereinstellungen wählen, ob einfachere Formeln als HTML-Code generiert werden. Bis Mitte 2015 war es auch möglich, MathJax in den Benutzereinstellungen auszuwählen.

Es ist darauf zu achten, dass eine Formel niemals allein steht. Stattdessen sollten die verwendeten Formelzeichen so erläutert werden, dass es auch einem nicht-fachnahen Leser möglich ist, die Formel zu verstehen und anzuwenden. Die Erläuterung ist auch notwendig, weil in der Fachliteratur zum Teil für gleiche Sachverhalte unterschiedliche Formelzeichen und Schreibweisen verwendet werden, sie kann entweder im Fließtext oder in einzelnen Zeilen erfolgen. Bei Fragen zum Stil bezüglich des Setzens von mathematischem Code kann das WikiProjekt Mathematik auf der Seite Portal Diskussion:Mathematik zu Rate gezogen werden.

Die Math-Umgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Formeln werden in -Tags eingeschlossen, zum Beispiel ergibt das Bild .

Zeilenumbrüche innerhalb der Math-Tags sind unter Umständen sinnvoll, werden aber standardmäßig nicht in ein Bild umgesetzt, also nicht „gerendert“. Sie sind trotzdem nützlich, um den Code übersichtlich zu halten (z. B. eine Zeile für jeden Term oder Zeile einer Matrix), siehe Mehrzeilige Formeln. Durch spezielle TeX-Symbole (s. u.) kann man aber auch in TeX-Texten im Bedarfsfall innerhalb einer PNG-Datei jederzeit gezielte Zeilenumbrüche erzwingen, d. h., dass man in diesem Fall die Formatierung nicht dem TeX-Programm allein überlässt. Die Verwendung des -Befehls führt außerhalb der Umgebungen für mehrzeilige Formeln jedoch zu einem Parsing-Fehler.

Innerhalb eines Math-Abschnitts kann man nur Zeichen aus dem ASCII-Zeichensatz, aber keine Wikisyntax wie u. Ä. verwenden. Innerhalb der -Umgebung sind Texte mit Sonderzeichen und Leerzeichen darstellbar. Die Nutzung der Sonderzeichencodierung aus HTML und XHTML in Form benannter Zeichen (engl.: named entities) oder in numerischer Unicode-Notation ist nicht möglich.

Der Math-Umgebung lässt sich eine „id“ zuweisen, beispielsweise . Damit lässt sich von jeder Stelle des Artikels mittels ein Link zu der Formel generieren.

Allgemeine Hinweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Parameter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Parameter werden in TeX grundsätzlich in geschweifte Klammern gesetzt, z. B.

Syntax Ergebnis

Eine Ausnahme bildet hier z. B. der von eckigen Klammern eingeschlossene optionale Parameter (z. B. von oder ):

, um zu erzeugen.

Eine weitere Ausnahme bilden Umgebungen, die mit eingeleitet und mit beendet werden, z. B.:

für .

Wenn ein Parameter aus nur einem Zeichen besteht, können die geschweiften Klammern weggelassen werden:

Die geschweiften Klammern können auch weggelassen werden, wenn der Parameter ein Befehl ist:

Syntax Ergebnis

Komma als Dezimaltrennzeichen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Komma ist in LaTeX standardmäßig ein Aufzählungszeichen. Mit geschweiften Klammern kann man ein Komma als Dezimaltrennzeichen verwenden.

Zahl mit Komma (richtig)
Zahl mit Komma (falsch)

Eingebettete Formeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter einer eingebetteten Formel wird hier ein Formelzeichen oder eine kurze Formel, die direkt im Fließtext steht, verstanden. Bei dem Ausdruck besteht kein Problem. Möchte man jedoch beispielsweise

  • einen Bruch ,
  • ein Integralzeichen oder
  • ein Summenzeichen

im Fließtext darstellen, so tritt das Problem auf, dass diese Zeichen viel zu hoch für den Fließtext sind. Mit dem Befehl \textstyle kann man das Problem beheben. Man kann diesen Befehl an den Anfang der math-Umgebung schreiben und die meisten Symbole, die zu groß sind, werden kleiner/anders dargestellt. Beispielsweise wird

als dargestellt. Möchte man in der math-Umgebung nur einen Bruch darstellen, so kann man statt auch schreiben und erhält in beiden Fällen .

Abgesetzte Formeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie allgemein beim Schreiben mathematischer Texte üblich, sollten größere Formeln stets abgesetzt werden. Dies wird dadurch erreicht, dass man die Formel in eine eigene Zeile setzt, die mit einem Doppelpunkt beginnt, also

:<math>x=f(y^2+2).</math>

Das Ergebnis dieses Beispiels ist

Formeln, insbesondere auch abgesetzte Formeln, ändern keine Interpunktionsregeln. Das heißt, dass die Interpunktion so gesetzt werden muss, als wäre die Formel ein normaler Textabschnitt. Die Satzzeichen können dabei innerhalb oder außerhalb der -Tags stehen.

LaTeX in Überschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Überschriften sollte LaTeX soweit wie möglich vermieden werden, denn im Inhaltsverzeichnis kann LaTeX nicht gut dargestellt werden.

Falls sich mathematische Symbole in Überschriften nicht vermeiden lassen, so kann man versuchen diese mit Hilfe des HTML-Styles darzustellen. Beispielsweise könnte man () durch L2([a,b]) () darstellen. Diese Darstellung ist im Fließtext allerdings nicht gewünscht und auch bei Überschriften sollte man zuerst prüfen, ob man sie ohne Formelzeichen formulieren kann.

Erzwungene PNG-Erzeugung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Früher war es in einigen Fällen nötig, eine Darstellung als PNG für alle Benutzer zu erzwingen. Dazu wurde irgendwo innerhalb der Formel die Zeichenfolge verwendet. Dies ist inzwischen nicht mehr nötig, die entsprechenden Zeichenfolgen können entfernt werden, wenn man den Artikel ohnehin überarbeitet.

Rerendering von Formeln erzwingen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gerenderte Formeln werden von der MediaWiki-Software in einem Cache gespeichert, sodass sie nicht bei jedem Seitenaufruf erneut gerendert werden müssen. Dies ist aber problematisch, wenn ein PNG-Bild für eine Formel fehlerhaft erstellt wurde. Um das erneute Rendern einer solchen Formel zu erzwingen, muss die Seite mit der Gettervariablen aufgerufen werden. Um beispielsweise alle Formeln im Artikel Funktion (Mathematik) neu zu rendern, musst du die URL https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Funktion_(Mathematik)&action=purge aufrufen. Nachdem du dies gemacht hast, musst du den Browser-Cache leeren (weil sonst die neuen PNG-Bilder nicht vom Wikipedia-Server geladen, sondern aus dem Browser-Cache herangezogen werden). Weitere Informationen zu diesem Thema findest du auf mw:Extension:Math#Purging pages that contain equations.

Überblick über LaTeX-Befehle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgenden Abschnitte sollen einen Überblick über die LaTeX-Befehle geben, die auch in Wikipedia funktionieren.

Einfache Symbole[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lateinische Buchstaben, Ziffern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle

Fragen der Zeit

Politik in Österreich

[1913]

Man denkt bei diesem Begriff zu einseitig an die Schwierigkeit der Nationalitätenfrage. Denn die – obgleich eine Schwierigkeit – ist längst eine Bequemlichkeit geworden; über einen ernsten Anlaß hinaus ein uneingestandenes Ausweichen und Verweilen. Wie bei hohlen Liebenden, die immer neue Trennungen und Widerstände überwinden, weil sie schon ahnen, wie wenig sie am ersten Tag der Hindernislosigkeit noch miteinander anzufangen wissen werden. Wie Leidenschaft überhaupt nur ein Vorwand ist, keine Gefühle zu haben. Wenn die große Abrechnung beendet sein wird, wird es ein Glück sein, daß die schlechten Manieren, die man inzwischen angenommen hat, auch aus nichtigen Anlässen noch den Verwahrlosungsschein des Idealismus zu schaffen wissen werden. Aber dahinter wird die Leere inneren Lebens schwanken, wie die Öde im Magen des Alkoholikers.

Es gibt wenig Länder, die so leidenschaftlich Politik treiben, und keines, wo Politik bei ähnlicher Leidenschaft so gleichgültig bleibt wie in diesem; Leidenschaft als Vorwand. Nach außen ist alles so sehr parlamentarisch, daß mehr Leute totgeschossen werden als anderswo, und es stehen alle Räder alle Augenblicke wegen der nächstbesten Parteidrehung still; hohe Beamte, Generäle, Ratgeber der Krone dürfen beschimpft werden, man kann Vorgesetzten mit einer Drohung vor dem Parlament bange machen, verdient Geld mit Hilfe der Politik, ohrfeigt einander. Aber alles ist halb wie eine Konvention, ein Spiel nach Übereinkommen. Die Furcht, die man erregt, die Macht, die man ausübt, die Ehren, die man auf sich sammelt, bleiben – trotzdem sie in allen wirklichen und gemeinhin als wichtig geltenden Beziehungen völlig echt sind – in der Seele unwahr, spukhaft, geglaubt und respektiert, aber nicht gefühlt. Man nimmt sie soweit ernst, daß man ihretwillen verarmt, doch es scheint, daß man das ganze Leben bis zu solchem Grade nach etwas einrichtet, hier nicht das Letzte zu bedeuten. Es könnte ein großer, wenn auch erst negativer Idealismus darin gesehen werden. Das Tun legt diese Österreicher nie ganz auf sein Niveau fest. Es ist nicht an ihre Religiosität zu glauben, nicht an ihre Untertanenkindlichkeit oder ihre Sorgen; sie warten dahinter; sie haben die passive Phantasie unausgefüllter Räume und gestatten eifersüchtig einem Menschen alles, nur nicht den seelisch so präjudizierenden Anspruch auf den Ernst seiner Arbeit. Wogegen der Deutsche im Verhältnis zu seinen Idealen jenen unerträglich lieben Frauen gleicht, die plitschtreu wie ein nasses Schwimmkleid an ihren Gatten kleben.

Im gegenwärtigen Zustand freilich überwiegt jedenfalls der Mangel an Sinn und sie vertreiben sich die Wartezeit mit Lärmen. Ihre Kraftgebärden sind noch ein Zeichen der Schwäche, während andernorts der Schein von Kraftlosigkeit schon auf einer Stauung von Kraftmassen beruht. So ist der deutsche Parlamentarismus wie ein ackerfroher Gaul, der gegen einen Peitschenschlag protestiert, indem er ernst und sachlich mit dem Schweif über die Stelle hinwischt, und hier gibt es Leidenschaften im öffentlichen Leben, hinter denen man mit nüchternen Eingeweiden gähnt. Man weiß nicht, wovon man sich eigentlich beherrschen läßt; zeitweilig erhebt sich ein Orkan und alle Minister fallen sofort wie geübte Turner, – aber der Orkan ist beruhigt und ihre Nachfolger stehen in genau der gleichen Stellung da. Es sind kleine Änderungen gemacht worden, die einen Professional befriedigen mögen, den Außenstehenden aber unverständlich bleiben müssen; dennoch erklären auch sie sich augenblicklich für besänftigt. Es liegt etwas Unheimliches in diesem hartnäckigen Rhythmus ohne Melodie, ohne Worte, ohne Gefühl. Es muß irgendwo in diesem Staat ein Geheimnis stecken, eine Idee. Aber sie ist nicht festzustellen. Es ist nicht die Idee des Staates, nicht die dynastische Idee, nicht die einer kulturellen Symbiose verschiedener Völker (Österreich könnte ein Weltexperiment sein), – wahrscheinlich ist das Ganze wirklich nur Bewegung zufolge Mangels einer treibenden Idee, wie das Torkeln eines Radfahrers, der nicht vorwärts tritt.

Politische Mißstände solcher Art haben stets ihre Gründe in kulturellen. Politik in Österreich hat noch keinen menschlichen Zweck, sondern nur österreichische. Man wird kein Ich durch sie, obwohl man alles andere mit ihrer Hilfe werden kann, und kein Ich vermag sich in ihr zu manifestieren. Das Werkzeug der Sozialdemokratie ist hier noch nicht hart genug und starke andere Gegensätze wie zwischen dem geistigen Drang einiger beunruhigender Menschen, die als herrliches Ungeziefer auf den Abfällen des deutschen Händlerstaats leben, und der mit zwei Beinen in der Bibel, mit zwei Beinen in der Scholle wurzelnden Rechtmäßigkeit der Grundherren sind nicht vorhanden. Die gesellschaftliche Struktur ist bis hoch hinauf ein einheitliches Gemenge von Bürger- und Kavaliersart. Man ist in natürlichem Zustand fein und herzgesund. Ein Friseurgehilfe, der Damen des Hochadels beim Ondulieren seine Ideale einbekannte, hätte vor nicht langem hier beinahe eine Laufbahn als deutscher Dichter gemacht, wenn er nicht bei einem Rout aus Versehen einen Pelz angezogen hätte, der noch nicht ihm gehörte. Er verkehrte zu jener Zeit bereits in den adeligsten Häusern, las bei Tees seine Dichtungen vor und gewiß hätte die bürgerliche Presse dem beschwingten Haarkalligraphen nicht lange widerstanden. Denn das Feine ist auch ihre Schwäche.

Es gibt nicht den großen ideellen Gegensatz zwischen Bürgertum und Aristokratie. Er hat sich auch anderswo nur erstfach und sehr entstellt ausgedrückt – im Gedankenkreis des Liberalismus – und wird augenblicklich durch den wirtschaftlichen Gegensatz: Proletariat – Besitz verdeckt, obgleich der nur eine Wegschleife auf dem Marsch zu ihm hin ist. Aber inzwischen hat sich in großen Staaten mit Welthandels- und Weltbeziehungshintergrund etwas Neues entwickelt, ein Paradoxon: ein ungeistiger aber rissiger Boden nämlich, in dessen Spalten trotz seiner dürren Ungunst die Kultur nun besser siedelt als je auf leidlich für sie passender Oberfläche. Sie realisiert ihre Zwecke heute nicht mehr durch den Staat wie einstens in Athen oder Rom, sondern bedient sich statt der Vollkommenheit des Ganzen, die doch nicht viele Steigerungen zuließe, seiner Unvollkommenheiten, Lücken und der Kraftlosigkeit jeden einzelnen zu umspannen. Es ist die Auflösung durch die unübersehbare Zahl, was den kulturellen Grundunterschied gegen jede andere Zeit bildet, das Alleinsein und Anonymwerden des einzelnen in einer immer wachsenden Menge, welches eine neue geistige Verfassung mit sich bringt, deren Konsequenzen noch unberechenbar bleiben. Man kann als deutlichstes Beispiel heute schon unser bißchen ernster Kunst betrachten, deren Unfähigkeit, zugleich gut und vielen gefällig zu sein, tatsächlich eine Erstmaligkeit bedeutet und, weit über die Art des ästhetischen Streits hinaus, wahrscheinlich den Beginn einer neuen Funktion.

Die reale Voraussetzung dieser Kultur bildet aber das Bürgertum. Denn seine Eigenschaft ist es, keine Familien zu erzeugen, die nicht rasch wieder zerfallen, keine Tradition, erblichen Ideale und feste Sittlichkeit, solche Dinge, die als Gehschule nützlich sind, aber Laufende hindern. Es hat die Mission, wegen seiner Geschäfte sich nicht selbst um die Kultur zu kümmern, sondern Pauschalsummen dafür auszuwerfen. Es erzeugt keine faszinierenden Menschen, Prototypen, und also auch nicht die immer von ihnen ausgegangene Versuchung, daß ein Idealtyp aus dem engeren und stets gestrigen Bereich des menschlich Wirklichen, statt – mit schrankenloser Phantasie – aus dem der menschlichen Möglichkeiten gebildet werde. Es läßt den Schöpfer außerhalb seiner Leistung einen Unbekannten, der – mehr Gedanke und Gefühl als Mensch – in einem Ideenlaboratorium Seelenformen schafft, ohne wie ein offizieller Fabrikant für deren allgemeine Gebrauchsfähigkeit im gleichen Augenblick schon garantieren zu müssen. Und selbst das Unverständnis, mit dem es seinen Gebilden begegnet, gerät ihnen zum Vorteil, denn die Urteilslosigkeit von heute ist die Vorurteilslosigkeit von morgen.

Dieses Bürgertum gibt es in Österreich nicht; man wird noch immer vom Schicksal nur auf eine persönliche Empfehlung hin zum Österreicher geschaffen und es bleibt schwer, dem Unehre zu machen. Darum schätzt man die Katastrophen, weil sie die Verantwortung auf sich selbst nehmen, und braucht das Unglück, weil es heftige Gestikulationen erzeugt, hinter denen jeder Mensch erlischt und konventionell wird. Man lebt sein politisches Leben wie ein serbisches Heldenepos, weil das Heldentum die unpersönlichste Form des Handelns ist. Die kleine Jeanne aus Domrémy war eine Kuhmagd in Männerhosen, der Büßer hat infolge Askese Ungeziefer, der Held ist in der Aktion, im Erlebnis seiner Heldenhaftigkeit, eingeengt wie ein Tier; seine Kleider kleben von Blut, Schweiß, Staub wie Bretter, er kann nicht baden, sie scheuern ihn wund, sie hängen steif um ihn, der wie ein wahnsinniger Kern in seiner Hülse klappert; sein Gesichtsfeld ist eingeengt bis auf die fovea centralis, seine Blicke stechen sich an den Gegenständen fest. Not und Held gehören zusammen wie Krankheit und Fieber. Jede Gewaltleistung hat darum etwas Pathologisches an sich, ein eingeschränktes Bewußtsein, einen letzten, progressiven, wirbelhaften Anstieg. Der politische Held in Österreich aber ist die ausgebildete Technik der Bewußtseinseinschränkung auch ohne Anstieg. Eine üble, in häufiger Krankheit erworbene Unart, die man mit Recht nicht ganz ernst nimmt, aber so lange nicht ablegen wird, als den ganzen Bewußtseinsumfang beanspruchende Inhalte fehlen.

Der mathematische Mensch

[1913]

Eine der vielen Unsinnigkeiten, die aus Unkenntnis ihres Wesens über die Mathematik umlaufen, ist, daß man bedeutende Feldherrn Mathematiker des Schlachtfelds nennt. In Wahrheit darf deren logisches Kalkül nicht über die sichere Einfachheit der vier Spezies hinausreichen, wenn es nicht eine Katastrophe verschulden soll. Die plötzliche Notwendigkeit eines Schlußprozesses, der auch nur so mäßig umständlich und uneinsichtig wäre wie das Auflösen einer einfachen Differentialgleichung, würde inzwischen Tausende hilflos ihrem Tod überlassen.

Das spricht nicht gegen das Feldherrningenium, wohl aber für die eigentümliche Natur der Mathematik. Man sagt, sie sei eine äußerste Ökonomie des Denkens, und das ist auch richtig. Aber das Denken selbst ist eine weitläufige und unsichere Sache. Es ist – mag es auch als einfache biologische Sparsamkeit begonnen haben – längst eine komplizierte Leidenschaft des Sparens geworden, der es auf Verschleppung des Nutzens so wenig ankommt wie dem Geizhals auf seine bis zum Widerspruch wollüstig hingezögerte Armut.

Einen Prozeß, mit dem man überhaupt nie fertig werden könnte, wie das Zusammenzählen einer unendlichen Reihe, ermöglicht die Mathematik unter günstigen Umständen in wenigen Augenblicken zu vollziehen. Bis zu komplizierten Logarithmenrechnungen, ja selbst Integrationen macht sie es überhaupt schon mit der Maschine; die Arbeit des Heutigen beschränkt sich auf das Einstellen der Ziffern seiner Frage und auf das Drehen an einer Kurbel oder ähnliches. Der Amtsdiener einer Lehrkanzel kann damit Probleme aus der Welt schaffen, zu deren Auflösung sein Professor noch vor zweihundert Jahren zu den Herren Newton in London oder Leibniz in Hannover hätte reisen müssen. Und auch in der natürlich tausendmal größeren Zahl der nicht schon maschinell lösbaren Aufgaben kann man die Mathematik eine geistige Idealapparatur nennen, mit dem Zweck und Erfolg, alle überhaupt möglichen Fälle prinzipiell vorzudenken.

Das ist Triumph der geistigen Organisation. Das ist die alte geistige Landstraße mit Wettergefahr und Räuberunsicherheit ersetzt durch Schlafwagenlinien. Das ist erkenntnis-theoretisch betrachtet Ökonomie.

Man hat sich gefragt, wie viele von diesen möglichen Fällen auch wirklich benutzt werden. Man hat bedacht, wie viele Menschenleben, Geld, Schöpfungsstunden, Ehrgeize in der Geschichte dieses ungeheuren Sparsystems verbraucht sind, heute noch investiert werden, allein schon nötig sind, damit man das bisher Erworbene nicht wieder vergißt: und hat versucht das an dem Nutzbrauch zu messen, der davon gemacht wird. Aber auch da erweist sich dieser schwere und gewiß umständliche Apparat noch als ökonomisch, ja streng genommen als vergleichslos. Denn unsere ganze Zivilisation ist durch seine Hilfe entstanden, wir kennen kein andres Mittel; die Bedürfnisse, denen es dient, werden dadurch völlig befriedigt und seine leerlaufende Abundanz ist von der unkritisierbaren Art einmaliger Tatsachen.

Nur wenn man nicht auf den Nutzen nach außen sieht, sondern in der Mathematik selbst auf das Verhältnis der unbenutzten Teile, bemerkt man das andere und eigentliche Gesicht dieser Wissenschaft. Es ist nicht zweckbedacht, sondern unökonomisch und leidenschaftlich. – Der gewöhnliche Mensch braucht von ihr nicht viel mehr als er in der Elementarschule lernt; der Ingenieur nur so viel, daß er sich in den Formelsammlungen eines technischen Taschenbuches zurechtfindet, was nicht viel ist; selbst der Physiker arbeitet gewöhnlich mit wenig differenzierten mathematischen Mitteln. Brauchen sie es einmal anders, so sind sie zumeist auf sich selbst angewiesen, weil den Mathematiker solche Adaptierungsarbeiten wenig interessieren. So kommt es, daß Spezialisten für manche praktisch wichtigen Teile der Mathematik Nichtmathematiker sind. Daneben aber liegen unermeßliche Gebiete, die nur für den Mathematiker da sind: ein ungeheures Nervengeflecht hat sich um die Ausgangspunkte einiger weniger Muskeln angesammelt. Irgendwo innen arbeitet der einzelne Mathematiker und seine Fenster gehen nicht nach außen, sondern auf die Nachbarräume. Er ist Spezialist, denn kein Genie ist mehr imstande, das Ganze zu beherrschen. Er glaubt, daß das, was er treibt, irgendwann wohl auch einen praktisch liquidierbaren Nutzen abwerfen wird, aber nicht der spornt ihn; er dient der Wahrheit, das heißt seinem Schicksal und nicht dessen Zweck. Mag der Effekt tausendmal Ökonomie sein, immanent ist das ein Allesdahingeben und Passion.

Die Mathematik ist Tapferkeitsluxus der reinen Ratio, einer der wenigen, die es heute gibt. Auch manche Philologen treiben Dinge, deren Nutzen sie wohl selbst nicht einsehen, und die Briefmarken- und Krawattensammler noch mehr. Aber das sind harmlose Launen, die sich fern von den ernsten Angelegenheiten unseres Lebens abspielen, während die Mathematik gerade dort einige der amüsantesten und schärfsten Abenteuer der menschlichen Existenz umschließt. Ein kleines Beispiel hierfür sei angefügt: Man kann sagen, daß wir praktisch völlig von den – ihr selbst gleichgültiger gewordenen – Ergebnissen dieser Wissenschaft leben. Wir backen unser Brot, bauen unsre Häuser und treiben unsre Fuhrwerke durch sie. Mit der Ausnahme der paar von Hand gefertigten Möbel, Kleider, Schuhe und der Kinder erhalten wir alles unter Einschaltung mathematischer Berechnungen. Dieses ganze Dasein, das um uns läuft, rennt, steht, ist nicht nur für seine Einsehbarkeit von der Mathematik abhängig, sondern ist effektiv durch sie entstanden, ruht in seiner so und so bestimmten Existenz auf ihr. Denn die Pioniere der Mathematik hatten sich von gewissen Grundlagen brauchbare Vorstellungen gemacht, aus denen sich Schlüsse, Rechnungsarten, Resultate ergaben, deren bemächtigten sich die Physiker, um neue Ergebnisse zu erhalten, und endlich kamen die Techniker, nahmen oft bloß die Resultate, setzten neue Rechnungen darauf und es entstanden die Maschinen. Und plötzlich, nachdem alles in schönste Existenz gebracht war, kamen die Mathematiker – jene, die ganz innen herumgrübeln – darauf, daß etwas in den Grundlagen der ganzen Sache absolut nicht in Ordnung zu bringen sei; tatsächlich, sie sahen zuunterst nach und fanden, daß das ganze Gebäude in der Luft stehe. Aber die Maschinen liefen! Man muß daraufhin annehmen, daß unser Dasein bleicher Spuk ist; wir leben es, aber eigentlich nur auf Grund eines Irrtums, ohne den es nicht entstanden wäre. Es gibt heute keine zweite Möglichkeit so phantastischen Gefühls wie die des Mathematikers.

Diesen intellektuellen Skandal trägt der Mathematiker in vorbildlicher Weise, das heißt mit Zuversicht und Stolz auf die verteufelte Gefährlichkeit seines Verstandes. Ich könnte noch andre Beispiele anreihen, wo etwa die mathematischen Physiker mit einemmal wild darauf aus waren, das Vorhandensein des Raums oder der Zeit zu leugnen. Aber nicht so träumelig von weitem, wie das die Philosophen zuweilen auch tun – was jedermann dann sofort mit ihrem Beruf entschuldigt –, sondern mit Gründen, die ganz plötzlich mit der Präsenz eines Automobils vor einem auftauchen und schrecklich glaubwürdig waren. Aber es ist genug, um zu sehen, was für Burschen das sind.

Wir andern haben nach der Aufklärungszeit den Mut sinken lassen. Ein kleines Mißlingen genügte, uns vom Verstand abzubringen, und wir gestatten jedem öden Schwärmer, das Wollen eines d'Alembert oder Diderot eitlen Rationalismus zu schelten. Wir plärren für das Gefühl gegen den Intellekt und vergessen, daß Gefühl ohne diesen – abgesehen von Ausnahmefällen – eine Sache so dick wie ein Mops ist. Wir haben damit unsre Dichtkunst schon so weit ruiniert, daß man nach je zwei hintereinander gelesenen deutschen Romanen ein Integral auflösen muß, um abzumagern.

Man wende nicht ein, daß Mathematiker außerhalb ihres Fachs banale oder blöde Köpfe sind, ja daß sie selbst ihre Logik im Stich läßt. Dort ist es nicht ihre Sache und sie tun auf ihrem Gebiet das, was wir auf unsrem tun sollten. Darin besteht die beträchtliche Lehre und Vorbildlichkeit ihrer Existenz; eine Analogie sind sie für den geistigen Menschen, der kommen wird.

Wenn durch den Spaß, der hier aus ihrem Wesen angerichtet wurde, ein wenig dieser Ernst schaut, mögen die folgenden Schlußsätze nicht als unvermittelt empfunden werden: Man greint, daß unsrer Zeit die Kultur fehle. Das heißt vielerlei, aber im Grunde war Kultur immer eine Einheitlichkeit entweder durch Religion oder durch gesellschaftliche Form oder durch Kunst. Für gesellschaftliche Form sind wir zu viele. Für Religion sind wir auch zu viele, was hier nur ausgesprochen und nicht bewiesen werden soll. Und was die Kunst betrifft: wir sind die erste Zeit, die ihre Dichter nicht lieben kann. Trotzdem sind in dieser Zeit nicht nur geistige Energien aktuell, wie sie noch nie da waren, sondern auch eine Gleichgestimmtheit und Einheitlichkeit des Geistes wie noch nie. Es ist töricht, zu behaupten, daß das alles um ein bloßes Wissen gehe, denn das Ziel ist längst schon das Denken. Mit seinen Ansprüchen auf Tiefe, Kühnheit und Neuheit beschränkt es sich vorläufig noch auf das ausschließlich Rationale und Wissenschaftliche. Aber dieser Verstand frißt um sich und sobald er das Gefühl erfaßt, wird er Geist. Diesen Schritt zu tun, ist Sache der Dichter. Sie haben für ihn nicht irgendeine Methode zu lernen – Psychologie, um Gotteswillen, oder so – sondern nur Ansprüche. Aber sie stehen ihrer Situation hilflos gegenüber und trösten sich mit Lästerungen. Und wenn die Zeitgenossen ihr Denkniveau auch nicht selbst aufs Menschliche übertragen können, fühlen sie doch, was dort unter ihrem Niveau ist.

Europäertum, Krieg, Deutschtum

[1914]

Der Krieg, in andren Zeiten ein Problem, ist heute Tatsache. Viele der Arbeiter am Geiste haben ihn bekämpft, solange er nicht da war. Viele ihn belächelt. Die meisten bei Nennung seines Namens die Achseln gezuckt, wie zu Gespenstergeschichten. Es galt stillschweigend für unmöglich, daß die durch eine europäische Kultur sich immer enger verbindenden großen Völker heute noch zu einem Krieg gegeneinander sich hinreißen lassen könnten. Das dem widersprechende Spiel des Allianzensystems erschien bloß wie eine diplomatisch sportliche Veranstaltung.

Tagelang, da der phantastische Ausbruch des Hasses wider uns und Neides ohne unsre Schuld Wirklichkeit geworden war, lag es über vielen Geistern noch wie ein Traum. Kaum einer, der sein Weltbild, sein inneres Gleichgewicht, seine Vorstellung von menschlichen Dingen nicht irgendwo entwertet fühlte. Man darf vielleicht gerade diese Erschütterung, die sich jedem so deutlich einprägte, nicht überschätzen; denn fühlt einer sein letztes Stündlein in der Nähe, denkt er anders über seine Pläne und faßt Vorsätze, die auszuführen später keinen Sinn hat, weil man wieder für das Leben lebt und nicht für den Tod. Trotzdem bleibt ungeheuer, wie die plötzlich erwiesene Möglichkeit eines Krieges in unser moralisches Leben von allen Seiten umändernd eingreift, und wenn heute auch nicht der Zeitpunkt ist, über diese Fragen nachzudenken, wollen wir, vielleicht auf lange hinaus letzten Europäer, in ernster Stunde doch auch nicht auf Wahrheiten baun, die für uns keine mehr waren, und haben, bevor wir hinausziehn, unser geistiges Testament in Ordnung zu bringen.

Treue, Mut, Unterordnung, Pflichterfüllung, Schlichtheit, – Tugenden dieses Umkreises sind es, die uns heute stark, weil auf den ersten Anruf bereit machen zu kämpfen. Wir wollen nicht leugnen, daß diese Tugenden einen Begriff von Heldenhaftigkeit umschreiben, der in unsrer Kunst und unsren Wünschen eine geringe Rolle gespielt hat. Teils ohne unsre Schuld, denn wir haben nicht gewußt, wie schön und brüderlich der Krieg ist, teils mit unsrer Absicht, denn es schwebte uns ein Ideal des europäischen Menschen vor, das über Staat und Volk hinausging und sich durch die gegenwärtigen Lebensformen wenig gebunden fühlte, die ihm nicht genügten. Ein kleines äußerliches, aber in seiner Gefühlswirkung nicht unbeträchtliches Zeichen dafür war, daß die wertvollsten Geister jeder Nation meist schon in die Sprache anderer Völker übersetzt wurden, bevor sie in ihrem eigenen eine breite Wirkung erlangten. Geist war die Angelegenheit einer oppositionellen europäischen Minderheit und nicht das von dem Willen der Nachfolgenden getragene und mit Dankbarkeit ermunterte Vorausgehn eines Führers vor seinem eigenen Volke.

Daß die, welche eine neue Ordnung schauten, wenig Liebe für die bestehende hatten, lag in der Linie ihrer Aufgaben und Pflichten. Die wertvollen der seelischen Leistungen aus den letzten dreißig Jahren sind fast alle gegen die herrschende gesellschaftliche Ordnung und die Gefühle gerichtet, auf die sie sich stützt; selten als Anklage, sehr oft aber als gleichgültiges Darüberwegschauen zu den Problemen für vorausgeartete Menschen, als Enthaltung vom Gefühlsurteil und desillusionierende Konstatierung dessen, was ist. Das Wenden, Durchblicken und zu diesem Zweck Durchlöchern überkommener, eingesessener und verläßlicher seelischer Haltungen: es besteht kein Grund zu verschweigen, daß dies eine der Haupterscheinungen unserer Dichtung war. Dichtung ist im Innersten der Kampf um eine höhere menschliche Artung; sie ist zu diesem Zweck Untersuchung des Bestehenden und keine Untersuchung ist etwas wert ohne die Tugend des kühnen Zweifels. Unsere Dichtung war eine Kehrseitendichtung, eine Dichtung der Ausnahmen von der Regel und oft schon der Ausnahmen von den Ausnahmen. In ihren stärksten Vertretern. Und sie war gerade dadurch in ihrer Art von dem gleichen kriegerischen und erobernden Geist belebt, den wir heute in seiner Urart verwundert und beglückt in uns und um uns fühlen.

Als gieriger mit jeder neuen Stunde Todesfinsternis um unser Land aufzog und wir, das Volk im Herzen Europas und mit dem Herzen Europas, erkennen mußten, daß von allen Rändern dieses Weltteils eine Verschwörung herbrach, in der unsre Ausrottung beschlossen worden war, wurde ein neues Gefühl geboren: – die Grundlagen, die gemeinsamen, über denen wir uns schieden, die wir sonst im Leben nicht eigens empfanden, waren bedroht, die Welt klaffte in Deutsch und Widerdeutsch, und eine betäubende Zugehörigkeit riß uns das Herz aus den Händen, die es vielleicht noch für einen Augenblick des Nachdenkens festhalten wollten. Gewiß, wir wollen nicht vergessen, daß stets auch die andern das gleiche erleben; wahrscheinlich sind die, welche drüben unsre Freunde waren, genau so in ihr Volk hineingerissen, vielleicht vermögen sie sogar das Unrecht ihres Volkes zu durchschaun und es zieht sie doch mit. Unsre Skepsis verlangt diese Vorstellungen. Wir wissen nicht, was es ist, das uns in diesen Augenblicken von ihnen trennt und das wir trotzdem lieben; und doch fühlen wir gerade darin, wie wir von einer unnennbaren Demut geballt und eingeschmolzen werden, in der der einzelne plötzlich wieder nichts ist außerhalb seiner elementaren Leistung, den Stamm zu schützen. Dieses Gefühl muß immer dagewesen sein und wurde bloß wach; jeder Versuch, es zu begründen, wäre matt und würde aussehn, als müßte man sich überreden, während es sich doch um ein Glück handelt, über allem Ernst um eine ungeheure Sicherheit und Freude. Der Tod hat keine Schrecken mehr, die Lebensziele keine Lockung. Die, welche sterben müssen oder ihren Besitz opfern, haben das Leben und sind reich: das ist heute keine Übertreibung, sondern ein Erlebnis, unüberblickbar aber so fest zu fühlen wie ein Ding, eine Urmacht, von der höchstens Liebe ein kleines Splitterchen war.

Der Anschluß an Deutschland

[1919]

Im Augenblick, wo ich schreibe, läßt sich noch nicht unterscheiden, ob die Friedenskonferenz der Abschluß von fünf Jahren oder von zweieinhalb Jahrtausenden europäischer Geschichte sein will, ob sie bloß die Kriegszeit beenden wird oder die Zeit der Kriege; wir sind auch nicht in der Lage, das Ergebnis mitzugestalten. Wir haben unsere Waffen weggeworfen und mit ihnen unser Recht, denn ein Recht, das man nicht geltend machen kann, ist keines. Wir stehen wehrlos vor unseren »Richtern«, von nichts beschützt als von der Würde des Geistes, den eine große Nation verkörpert, von dem Geist der Menschheit, der sich allenthalben erhebt, und von der Gewalt des Beispiels, das einer gibt, der seine Macht zerbrochen hat, der nicht um Recht und Unrecht feilscht, sondern aufbricht, um dem kommenden Reich entgegenzugehen. Je tiefer wir das begreifen und je kühner wir unser Tun davon bestimmen lassen, desto weniger werden wir Gerichtete sein, sondern uns über das schäbige Gerede von Richtern und Gerichteten erheben als solche, welche Richtung weisen. – Ob die Menschheit diesmal noch den Augenblick versäumen wird oder nicht, die Aufgabe ist ihr jedenfalls bereits so deutlich gestellt, daß sie nicht mißverstanden werden kann; es ist die Notwendigkeit, sich endlich eine Organisationsform zu geben, die nicht wie eine schlechte Maschine den größten Teil der Kraft in inneren Widerständen aufbraucht und nur einen Rest als Glück, Geist, Persönlichkeit und Menschheitswerk zur Entfaltung entläßt. Große Aktionen enthalten fast immer ein negatives, reaktives Bestimmungselement, einen Abdruck des unerträglich gewordenen Zustandes, der zuletzt ihre Auslösung verschuldet hat; so hat auch die jetzt in Fluß geratene Bewegung als Reaktion auf Krieg und soziale Ungerechtigkeit die Formen Völkerbund und Klassenkampf angenommen. Aber weder parlamentarische Demokratie, noch Arbeiterherrschaft, noch Abrüstung und Schiedsgerichtshöfe für Streitigkeiten der Staaten werden ihr Ende sein; vom Ende läßt sich überhaupt noch nicht mehr ersehen als die Richtung, in der es liegt.

Was ihr im Weg steht, – nicht als Verwaltungsorganismus, wohl aber als geistig-moralisches Wesen – ist der Staat und es ist die Aufgabe der Impulse, die sich um den Gedanken eines Völkerbunds gruppiert haben, das Verhängnis zu sprengen, das sich an die menschliche Organisation in Staaten heftet. Ich weiß, daß eine solche Behauptung sich fast am wenigsten für deutsche Ohren eignet; denn nicht nur hat der deutsche Durchschnittsmensch, selbst wenn er träumt, wie ein Chauffeur noch die so vorbildlich klappende und klappernde Funktionstüchtigkeit der Staatsmaschine im Ohr, sondern auch deutsche Denker haben die Ideologie des Staats gläubig vertieft und bis zur Idolatrie getrieben, in ihm eine menschliche Vervollkommnungsanstalt und eine Art geistiger Überperson erblickt. Man muß deshalb sehr kräftig darauf hinweisen, daß das falsch ist. Es gibt natürlich einen Geist des preußischen, österreichischen oder französischen Staats, der mehr ist als der Geist seiner Bewohner, sowie es eben einen esprit du corps oder Regimentsgeist gibt, und ich werde, wenn von Österreich die Rede ist, auch manches zugunsten seiner Wichtigkeit sagen müssen; aber man darf darüber nicht vergessen, wie weit der Geist des Staates fast stets hinter dem Geist zurück ist, der in den besten seiner Bewohner lebt, wie er Dostojewski nach Sibirien geschickt hat, Flaubert vors Zuchtgericht, Wilde ins Bagno, Marx ins Exil, Robert Mayer ins Irrenhaus, und daß er in einer Hinsicht sogar weit hinter dem Durchschnittsmenschen zurückbleibt: es ist dies sein Verhalten gegen andere Staaten. Die geradezu schon einfältigen sittlichen Forderungen, daß man Verträge nicht brechen, nicht lügen, des Nächsten Gut nicht begehren, nicht töten soll, gelten in den Staatsbeziehungen noch nicht und sind ersetzt durch das einzige Gesetz des eigenen Vorteils, der sich mit Gewalt, List und kaufmännischen Druckmitteln verwirklicht, wobei jeder Staat von den Bewohnern der anderen sehr natürlicher Weise als ein Verbrecher erkannt wird, den eigenen Bewohnern aber durch Zusammenhänge, die wahrhaftig einer soziologischen Untersuchung wert wären, als die Verkörperung ihrer Ehre und sittlichen Reife erscheint. Was Wunder, daß solche Wesen mit einer finsteren Grandezza untereinander verkehren, ihre Souveränität und Majestät mit einer Steifheit wahren müssen, die immer zumindest als eine sittenverderbliche Geschmacklosigkeit hätte gelten sollen. Was man den modernen Rechtsstaat nennt, ist ein solcher nur nach innen, nach außen ist er ein Unrecht- und Gewaltstaat. Man müßte sich schämen, so selbstverständliche Feststellungen zu wiederholen, wenn das immer noch nicht in die Schreckenskammer der Kriegshetze verwiesene Gerede von »Verbrecherstaaten« wie die ganze Behandlung der »Schuldfrage«, die intra et extra muros nach einzelnen Schuldtragenden sucht, ja auch der Glaube, durch partielle Abrüstung und Schiedsgericht schon Genüge zu tun: wenn das alles nicht beweisen würde, wie wenig die richtige Vorstellung vom Wesen des historischen Staats das Denken beherrscht, und daß der angekündigte Fortschritt sich anscheinend mit dem Gesicht nach rückwärts gewandt auf den Weg macht. Denn der gekennzeichnete unsoziale Charakter des Staats folgt natürlich nicht aus dem bösen Willen seiner Bewohner, sondern aus seiner Natur, Konstruktion, Funktionsweise, und diese ist, ein nahezu völlig in sich geschlossenes System gesellschaftlicher Energie zu sein, mit einer unendlich größeren Vielfalt der Lebensbeziehungen im Innern als nach außen; der Staat ist eine Form, die sich, um der Entwicklung des Lebens Halt geben zu können, zunächst verkapseln und undurchlässig machen mußte. Man kann an den Klassengegensätzen sehen, wie Beziehungslosigkeit zur Feindseligkeit wird, und darf sich auch nicht scheuen, die Psychologie der kriegerischen Kirchweihverwicklungen zwischen benachbarten Dörfern zum Vergleich heranzuziehn, denn die Psychologie der kriegerischen Verwicklung zwischen zwei großen Kulturstaaten ist keine andre.

Die Geschichte lehrt, daß zur Erzielung eines dauernden Einvernehmens immer die Bildung einer höheren Gemeinschaft, die Preisgabe der vollen Selbständigkeit der Glieder und Ergänzung durch gemeinsame positive Interessen nötig ist. Auch der Staat hat sich gegenüber seinen Individuen und Teilverbänden nicht bloß als etwas Privatives, Exzesse Verhinderndes gebildet, sondern als etwas, das greifbare Vorteile abwirft. So hat das Deutsche Reich die Bundesstaaten überwachsen, das alte Österreich seine Kronländer, die Schweiz ihre Kantone, und ebenso wird sich eine Organisation der Menschheit nicht aus Vorbeugungsmaßregeln ergeben, sondern nur aus weitgehender Verschmelzung in neuen, gemeinsamen Interessen, wobei der einzelne Staat immer mehr auf den Rang eines Selbstverwaltungskörpers sinkt. Was schließlich von ihm bleibt, ist die organisierte Nation oder sagen wir lieber gleich die organisierte Sprachgemeinschaft. Denn die Nation ist ja weder eine mystische Einheit, noch eine ethnische, noch auch geistig wirklich eine Einheit – man hat mit zumindest halbem Recht eingewandt, daß das Genie international sei und national nur die Beschränktheit –, wohl aber ist sie als Sprachgemeinde ein natürlicher Leistungsverband, das Sammelbecken, innerhalb dessen sich der geistige Austausch zunächst und am unmittelbarsten vollzieht. Diese geistesorganisatorische Bedeutung der Nation bleibt auch für den weitest gesteckten Humanismus und Kommunismus bestehn; höchstens könnte man aus Mißverständnis des Worts gegen sie einwenden, daß Geist nicht organisiert werden soll, sondern unbestimmbar wächst wie ein Stück Landschaft in Wechselwirkung mit den Menschen, ihrem Leben, ihrer Geschichte und ihren Einrichtungen; das Medium, das zwischen diesen zirkuliert und ihnen die Nahrung zuträgt, ist aber eben die Sprache. Und da der Geist einer Nation nicht über ihr schwebt wie über einem Diskutierklub, sondern sich verwirklichen will, so bedarf er dazu eines einheitlichen materiellen Apparats. Wenn Teile einer Sprachgemeinschaft unter ganz verschiedenen Bedingungen und in längst getrennten Kulturen leben wie etwa Süd-Amerika und Spanien, hat es natürlich keinen Sinn, sie zu vereinen, wenn aber ein alter, nie unterbrochener Kulturzusammenhang und unmittelbare Nachbarschaft bestehn, wie zwischen Deutsch-Österreich und Deutschland, ist der staatliche Zusammenschluß einfach einer der entscheidenden Schritte auf dem Weg von dem Zustand, den wir das Staatstier nennen durften, zum Menschenstaat.

 

Es gibt allerdings Leute, welche das leugnen.

Das sind zum kleinen Teil Ungeduldige, welche die nationale Idee ein »bürgerliches« Ideal nennen und es gleichgültig finden, ob Deutschböhmen zum Deutschen Reich oder zum tschecho-slowakischen Staat gehört, weil doch der Bolschewismus kommen muß oder die Welt eine geistige Ordnung erhalten wird, kurz, weil der nationale Zusammenschluß ja wirklich nicht das Wichtigste und Letzte ist; sie überspringen immer ein paar Stufen und sind offenbar Menschen, in denen nicht zwei Wahrheiten oder zwei Pläne gleichzeitig Platz haben, weil sie sich nur durch Fixation des Extremen in die Schöpfertrance versetzen können.

Meist aber leugnen oder verleugnen solche Leute die Wichtigkeit der nationalen Idee, welche von ihren Übertreibungen angewidert und ermüdet sind. Österreichischer Übernationalismus zumal war gewöhnlich nur eine Reaktion gegen die besonders plumpen Formen, welche der Nationalismus in Österreich angenommen hatte; aber gerade diese bilden einen Beweis zugunsten der nationalen Idee, denn sie sind die typischen Formen, welche sie annimmt, wenn ihr nicht Genüge geschieht. Der unbefriedigte Staats-Spieltrieb der Tschechen, der sich jetzt in ihrem Puppenstuben-Imperialismus auslebt und, enthielte er nicht so viel Rückgewandtheit, Großmannssucht und Eigensinn, eigentlich rührend wäre – wie er es zur Zeit der Königinhofer Handschrift war, als Millionen Menschen, durch einen Fälscher beschwindelt, der ihnen Dokumente einer alten selbständigen Kultur vorspiegelt, sich die Täuschung durch keine Widerlegung mehr rauben lassen wollten und so falschen Zeugnissen beinahe eine höhere Wahrheit als die historische, nämlich die des glühenden Verlangens gaben –, hat sein Seitenstück in der Erlösungsidee der »unerlösten« Italiener, die voll sentimentaler Romantik steckte und sich mit einem knabenhaften Pathos gab, das für erwachsene Kaufleute und Advokaten natürlich reichlich falsch war. Aber das, was man in Österreich deutschnational nannte, gehört auch dazu. Es hat zur Entschuldigung, daß es aus Abwehr entstand, und, was Politik betrifft, ist ihm meiner Ansicht nach manches nachzusehen, aber als Ideologie war es nichts als eine tot wuchernde Geschwulst. Ein Gemenge, das sich aus Wagner, Chamberlain, Rembrandtdeutschem, Felix Dahn, Studentenpoesie, Antisemitismus und unwissender Geringschätzung der anderen Nationen zusammensetzte, bildete den Inhalt eines durch den dauernden politischen Kampf verrohten Selbstbewußtseins. Man schwärmte für Erhöhung des deutschen Wesens in Österreich, meinte damit aber nicht etwa Rilke, obgleich der ein Deutscher, Österreicher und »Arier« ist, sondern kern-inniges deutsches Staackmannestum [vorwiegend österreichische Heimatdichter: die Autoren des L. Staackmann Verlags]. Diese Gesinnung lebt leider heute noch in vielen Köpfen, vor allem unter der Studentenschaft; man durfte sich darüber freuen, daß sie deutsch war, und mußte darüber trauern, wie sie es war. Wo die nationale Idee zu einem Kampfziel wird oder zu einer leidenschaftlichen Sehnsucht, dort entartet sie zu einer Hemmung, so wie sich bei Menschen ein hysterischer Knoten bildet, die es immer danach verlangt, endlich einmal ganz sie selbst zu sein, statt sich im natürlichen Verlauf täglicher Beschäftigung ständig auflösen und wiederfinden zu können.

Was man das Nationalitäten-Problem Österreichs nannte, dieses – ähnlich dem Verlauf einer Blutrache – ausschließlich und immer fester von einer einzigen Ursachenkette Umstrickt- und Gelähmtwerden, wird gewöhnlich als Grund dafür angegeben, daß es mit dem Staat nicht so recht vorwärtsging; zumindest ebenso stark wirkte aber auch der umgekehrte Zusammenhang: weil im Staatsleben nichts da war, um das Verstockende mitzureißen, konnte sich der eine Konflikt bis zur herrischen Monomanie verhärten. Seit der Verdrängung aus Deutschland durch den Sieg der kleindeutschen über die großdeutsche Idee und seit dem davon heraufbeschworenen »Ausgleich« mit Ungarn im Jahre 1867 war das ehemalige Kaisertum Österreich ein biologisch unmögliches Gebilde. In »Zisleithanien« (schon im Namen lebte noch die alte Staatskanzlei) hielten sich die Nationen in einem toten Gleichgewicht, keine war imstande, die Führung zu übernehmen und die andern zu einer gemeinsamen ausgreifenden Willensbildung in wirtschaftlichen und kulturellen Fragen zu bewegen. Dazu kam die verfassungsgemäß alle zehn Jahre wiederkehrende Erneuerung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn, welche mit ihrem Vor- und Nachtrab von Konflikten nach sachverständiger Schätzung das Entwicklungstempo der Wirtschaft wenigstens um ein Drittel verlangsamt hat. So konnte die Monarchie die unpolitische, indirekte Auswirkung des Jahres 1848, die Entfesselung des bürgerlichen Unternehmungsgeistes nicht mitmachen, welche in Deutschland eine Kraft und Bewegtheit ins Leben rief, die man als ungeheuer anerkennen muß, auch wenn man ihre Formen und Ergebnisse mit gutem Recht verdammt. Wäre Österreich ein Staat von so großem Tempo gewesen, so hätte es vielleicht die Interessen seiner Völker in einem dynamischen Gleichgewicht verschmelzen können; da es schwerfällig und schlecht ausbalanciert war und langsam fuhr, fiel es vom Rad.

Die nichtdeutschen Völker haben Österreich-Ungarn ihr Gefängnis genannt. Das ist sehr merkwürdig, wenn man weiß, daß dies bis zuletzt auch die Madjaren getan haben, obgleich sie längst die herrschende Nation der Monarchie gewesen sind. Es wird noch merkwürdiger, wenn man weiß, mit welcher Freiheit Südslawen und Tschechen in Österreich ihren antiösterreichischen Gefühlen Luft machen konnten; ich könnte da aus Zeitungsartikeln zitieren, die im Krieg erschienen sind, was in keinem andern Staat zu schreiben möglich gewesen wäre. Trotzdem Gefängnis? Man kann es nicht aus zwei Jahrhunderte alten Erinnerungen, sondern nur aus tiefem Mißtrauen gegen den Staat erklären, aus der Angst zu ersticken, aus Verachtung. Wäre es nur nationale Sehnsucht gewesen, so hätte nicht die Zerstörung der Monarchie im Programm der Tschechen eingeschlossen sein müssen und es hätten die Serbo-Kroaten und Slowenen die Stammverwandten in den kleinen Staaten jenseits der Grenze zum Eintritt eingeladen, statt sich selbst hinüberzuwünschen. Dieser schläfrige Staat, der mit zwei zugedrückten Augen über seinen Völkern wachte, hatte eben auch wirkliche Anfälle von Härte und Gewaltherrschaft; dies geschah immer dann, wenn er es zu weit hatte treiben lassen und kein anständiger Weg mehr aus noch ein führte. Dann fuhr er mit Polizeimaßnahmen, Staatsanwalt und absolutistischen Verordnungen darein, um – wenige Augenblicke später, von dem erbitterten Widerstand erschreckt, den er vorfand, ängstlich zurückzufahren und seine eigenen Organe zu verleugnen. Die intime Geschichte der österreichischen Verwaltung ist voll von traurigen und burlesken Beispielen, die sich ein halbes Jahrhundert lang in immer der gleichen Weise aneinanderreihen. Man kann den Geist dieses Staats absolutistisch wider Willen nennen; er wäre gerne demokratisch verfahren, wenn er es nur verstanden hätte. Aber wer war dieser Staat? Keine einige Nation und keine freie Vereinigung von Nationen trug ihn, die sich in ihm ihr Skelett geschaffen hätte, dessen Gewebe sie aus der Kraft ihres Blutes ständig auffrischt; kein Geist speiste ihn, der sich in der privaten Gesellschaft bildet und, wenn er in irgendeiner Frage eine gewisse Stärke erreicht hat, in den Staat eindringt; trotz des Talents seiner Beamtenschaft und mancher guten Arbeit im einzelnen, hatte er eigentlich kein Gehirn, denn es fehlte die zentrale Willens- und Ideenbildung. Er war ein anonymer Verwaltungsorganismus; eigentlich ein Gespenst, eine Form ohne Materie, von illegitimen Einflüssen durchsetzt, mangels der legitimen.

 

Unter solchen Umständen hat sich das herausgebildet, was von manchen recht naiv die österreichische Kultur genannt wird, der sie besondere Feinheit nachsagen, die angeblich nur auf dem Boden eines nationalen Mischstaats gedeiht; neuestens glauben einige sie vor dem Aufgehen in der deutschen »Zivilisation« schützen zu müssen und machen aus ihr sogar ein Argument für das Wiederaufleben Österreich-Ungarns in der aus den Angstträumen der Großindustrie geborenen Gestalt der Donauförderation.

Man spart viele Worte in dieser Frage, wenn man drei Feststellungen gleich zu Beginn macht. Erstens haben weder die Slawen, noch die Romanen, noch die Madjaren der Monarchie eine österreichische Kultur anerkannt, sie kannten nur ihre eigene und eine deutsche, die sie nicht mochten; die »österreichische« Kultur war eine Spezialität der Deutschösterreicher, welche gleichfalls eine deutsche nicht haben wollten. Zweitens waren auch innerhalb des österreichischen Deutschtums drei in Lebens- und Menschenart ganz verschiedene Gebiete zu scheiden, Wien, die Alpen- und die Sudetenländer; worin soll die gemeinsame Kultur bestanden haben? Es gab viel Provinz in Österreich, wo sie aber aufhellte, dort wurde einfach wie überall auf der Erde Anschluß an die Welt des Geistes gesucht und das Mittel, durch das dies geschah, war weder reichsdeutsche, noch österreichische, sondern einfach deutsche Kultur. Gewiß hatte Tirol, das schwärzeste Land, das dennoch irgendwie vom Süden beleckt ist, eine Eigenart, aber was hatten die Bukowina oder Dalmatien von ihr und ebenso umgekehrt? Die österreichische Kultur war ein perspektivischer Fehler des Wiener Standpunkts; sie war eine reichhaltige Sammlung von Eigenarten, durch die man den Geist mit Gewinn reifen lassen konnte, das durfte einen aber nicht darüber täuschen, daß sie keine Synthese war. Drittens wird jeder von der Gnade der Selbstbesinnung nicht ganz verlassene »Altösterreicher« eingestehn, daß er, von österreichischen Werten sprechend, nichts anderes meint, als das alte Österreich vor 1867. Dieses Österreich hat die schönen, breiten, weißen Straßen gezogen, auf denen sich's wie durch ein Märchen vom Norden zum Süden, von Asien nach Europa reisen läßt; in diesem Österreich lebten Grillparzer und Radetzky und Hebbel; dieses Österreich hatte den Typus eines wohlunterrichteten, wohlwollenden Verwaltungsbeamten erzeugt, der nicht nur als Vogt, sondern auch als Kulturmissionär an die Peripherie des Reichs hinausging. Dieses Österreich war ein Rest des alten, tüchtigen, in mancher Hinsicht nicht unsympathischen Obrigkeitsstaates. Seither hat sich aber das Rad der Welt um einiges weiter gedreht, und wenn jeder im Innersten an dieses Österreich denkt, sobald er von österreichischer Kultur schwärmt, und wenn unter den mehr als fünfzig Millionen Einwohnern sich seit dem Jahre 1867 keiner gefunden hat, der mit der gleichen Überzeugung von der modernen, der österreichisch-ungarischen Kultur gesprochen hätte, so verrät sich, was die ganze Kulturlegende ist: Romantik.

One thought on “Vereinigung Mathe Beispiel Essay

Leave a comment

L'indirizzo email non verrà pubblicato. I campi obbligatori sono contrassegnati *